Schauspielhaus Salzburg
Die Damen warten
 

Die Damen warten

Premiere: 21. Mai 2015, Studio
Dauer 1:40 Stunden, keine Pause
21. Mai - 26. Juni 2015, Studio
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG

ACHTUNG ZUSATZVORSTELLUNGEN

Auf Grund der großen Nachfrage finden am
13., 25. & 26. Juni 2015 um 19:30 Uhr
Zusatzvorstellungen statt!

Weltfrauentag! Gesichtsmaske, Gurkenscheibe, Gehässigkeit: Vier Frauen in der Wellness-Oase. Alle blicken sie schon seit einer Weile auf die Tage ihrer Jugend zurück. Sibylle Berg zeigt schonungslos und mit atemberaubend bösem Humor Selbsthass und weibliche Selbsterhaltung in einer Welt der Körperoptimierung.

Nun liegen sie nebeneinander auf den Behandlungsstühlen: Frau Merz-Dulschmann, verheiratet, Hausfrau, Mutter zweier übergroßer und fauler Söhne, Frau Töss, Anwältin und ewige Zweitfrau, Frau Luhmann, Angestellte, Alleinerziehende eines apathischen Computerfreaks und Frau Grau, Pathologin, überzeugt kinderlos und Single. Völlig gegensätzliche weibliche Lebensentwürfe prallen aufeinander. Mittendrin ein Hair-Make-up-Artist, der im Verlauf seiner Karriere alle Abgründe der Weiblichkeit von Anorexie bis Zyklusstörung kennenlernen musste. Oberflächliche Gespräche über Schuhe und Frisuren wechseln übergangslos in Sarkasmus und bissige Bemerkungen über die andere. Denn „Die Damen“ sind beileibe keine Feministinnen einer solidarischen Frauengemeinschaft, sondern selbst ihre ärgsten Feindinnen. 

Frauen um die 50 müssen einiges durchmachen. Kein Lebensentwurf scheint der richtige zu sein. Weder die Hausfrau mit Mann und Söhnen ist glücklich, noch die alleinerziehende Frau Luhmann und auch nicht Frau Grau, die ihr Leben dem Beruf widmet. Und schon gar nicht Frau Töss, die immer nur die Geliebte eines Mannes ist, der sie nach seinem Vergnügen wieder alleine zurücklässt. Alle stehen sie unter dem Druck der Gesellschaft, die ihnen klar macht, dass sie nicht mehr jung und schön sind, ihr Leben ist vorbei, sie werden nicht mehr gebraucht. Die alten Frauen müssen Platz machen für die Jugend.

Sujetfoto: Chris Rogl
Fotos Inszenierung: Gregor Hofstätter

Autor

Sibylle Berg wurde am 2. Juni 1962 in Weimar geboren und lebt heute als Autorin, Dramatikerin und Publizistin in Zürich. Sie hat zahlreiche Romane und Theaterstücke veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Zu ihren Prosawerken gehören „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (1997), „Sex II“ (1998), „Amerika“ (1999), „Das Unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten“ (2001), „Ende gut“ (2004), „Die Fahrt“ (2007), „Der Mann schläft“ (2009) und „Vielen Dank für das Leben“ (2012). Sie schreibt für mehrere Zeitungen und Zeitschriften und hat eine eigenen Kolumne im Spiegel. Für das Theater schrieb sie u.a. „Das wird schon. Nie mehr Leben!“ (2004), „Hauptsache Arbeit!“ (2010), „Missionen der Schönheit“ (2010), „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ (2013) , „Angst reist mit“ (2013) und „Viel gut essen“ (2014).

Sybille Berg wurde für zahlreiche Preise nominiert. Mit der Dramatisierung von „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ war Sibylle Berg 2000 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, ebenso mit „Helges Leben“ (2001), „Hund, Frau, Mann“ (2002) und „Die goldenen letzten Jahre“ (2009). 2014 wurde „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ zum Stück des Jahres der Zeitschrift "Theater heute" gewählt. Die Hörspielfassung von „Das wird schon. Nie mehr Lieben!“ wurde von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats gewählt. Außerdem wurde Sibylle Berg 2008 für ihr Werk mit dem Wolfgang-Koeppen-Literaturpreis der Universitäts- und Hansestadt Greifswald ausgezeichnet.

Seit 2013 unterrichtet Sibylle Berg an der Zürcher Hochschule der Künste im Fachbereich Dramaturgie. 2013 führte sie erstmals Ko-Regie am Staatstheater Stuttgart.

Sibylle Bergs Theaterstück zeigt mit bissigem Humor wie sich manche Frauen tatsächlich fühlen. Denn auch heute ist die Emanzipation nicht so weit fortgeschritten, wie viele glauben wollen. Das Buch „Die verratene Frauengeneration“ von Christina Bylow und Kristina Vaillant bestätigt dies in einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Denn tatsächlich haben vierzig Prozent der Frauen in Deutschland, die zwischen 1962 und 1966 geboren wurden, einen gesetzlichen Rentenanspruch von weniger als 600 Euro im Monat. Und das obwohl keine Frauengeneration vor ihnen so gut ausgebildet und in so hohem Maße berufstätig war. Dies liegt einerseits an der Teilzeitarbeit, die viele Frauen mit der Geburt ihrer Kinder in Anspruch genommen haben und andererseits an dem Lohngefälle zwischen den Geschlechtern. Viele Frauen bleiben noch heute nach der Geburt der Kinder zu Hause oder arbeiten in einer Teilzeitanstellung. Doch mit einer Teilzeitanstellung steigen sie nicht die Karriereleiter hinauf und die Rückkehr in den Beruf ist für Frauen, die länger zu Hause bleiben, ohnehin schwierig. Die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger hat dies in ihrer Studie "Verschenkte Potenziale?" bestätigt: nur 13 Prozent der Frauen schaffen die Rückkehr in ihren Beruf.

Nach einer Studie vom Dezember 2012 klafft in keinem anderen europäischen Land die Lohnlücke so weit auseinander wie in Deutschland. Frauen in Deutschland verdienen durchschnittlich 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Laut Statistik Austria ist die Situation in Österreich ähnlich, hier liegt der Unterschied bei rund 18 Prozent. Frauen, deren Berufsfeld außerhalb der weiblich geprägten Berufe liegen, erfahren eine besonders große Benachteiligung gegenüber ihren männlichen Kollegen. Frauen die Führungsaufgaben übernehmen, steigen nicht so selbstverständlich wie Männer in der Hierarchie der Organisationen auf, was mit fortschreitendem Alter eine noch größere Lücke schafft.

Auch der Schönheitswahn geht an den über 50-Jährigen nicht vorbei. Längst sind es nicht mehr nur die jungen Frauen, die von den Medien ein Ideal aufgezwungen bekommen, auch die reife Frau von heute sollte am besten schlank, hübsch und erfolgreich sein. Inzwischen lassen nicht nur Prominente und Schauspieler Schönheitsoperationen über sich ergehen, auch die Frau von nebenan greift tief in die Tasche, um einem unrealistischen Schönheitsideal zu entsprechen. Das Altern für Frauen ist schwer. Doch auch wenn man es in Sibylle Bergs Stück „Die Damen warten“ nur zwischen den Zeilen erkennen kann: Das Altern ist auch für Männer nicht leicht.

Die Besetzung

Frau Merz-Dulschmann Susanne Wende
Frau Luhmann Ute Hamm
Frau Töss Martina Dähne
Frau Grau Bernadette Heidegger
Ein Mann Magnus Pflüger
 

Regie Caroline Richards
Ausstattung Ragna Heiny
Musik Axel Müller
Choreographie Jasmin Rituper
Licht Martin Zamazal
Dramaturgie Christoph Batscheider, Theresa Taudes
Regieassistenz Samia Burow
Maske Andrea Linse

Ein Gespräch mit Caroline Richards, Regie

Das Thema Schönheitswahn ist immer aktuell, seit Jahren wird in den Medien darüber gesprochen. Auch Film und Theater haben dieses Thema schon lange für sich entdeckt. Was ist für Dich das Besondere an Sibylle Bergs Auseinandersetzung mit dem Schönheitswahn?
Das Besondere ist sicher Bergs schonungslose satirische Sprache. Sie packt „Das Elend“ mit einem schwarzen bissigen Humor an, was mich als Engländerin sehr anspricht. Gnadenlos nimmt Sibylle Berg Männer wie Frauen in die Mangel. Sie lässt nichts aus. Das Stück ist eine offensive Tirade auf unsere Gesellschaft und stellt sehr frontale Fragen in den Raum. Das Thema Schönheitswahn stellt Berg als tragischen Verlust der Jugend dar: ein perfekter Stoff für eine Tragikomödie über vier Frauen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, die warten. Worauf sie warten? Sie wollen wissen, warum sie immer noch so weit entfernt von einer wirklichen Gleichberechtigung sind. Sie wollen wissen, wie es dazu kommt, dass sie sich orientierungslos fühlen, wenn sie ab einem gewissen Alter für Männer unsichtbar werden. Sie wollen wissen, warum sie ab 50 weniger Wert sind als Männer in ihrem Alter. Sie wollen auch wissen, warum sie oft von jüngeren Frauen ersetzt werden und warum ein Mann mit 50 immer noch als treibende Kraft angesehen wird, während dies einer Frau im selben Alter verwehrt bleibt. In einem aktuellen Interview sprach Sibylle Berg von ihrem Frust über die Stagnation des Feminismus.
Im Gegensatz zum allgegenwärtigen Thema Schönheitswahn interessiert sich jedoch kaum jemand für Frauen ab 50. Menopause, finanzielle Abhängigkeit, Familiensorgen und Selbstverwirklichung sind ein Tabu, über das kaum gesprochen wird. Worin lag für Dich der Anreiz dieses Thema auf die Bühne zu bringen?
Als Theatermacher kann es spannend sein, sich mit Themen zu beschäftigen, die einen selbst betreffen. Als mir die Inszenierung in diesem Fall zugetragen wurde, hatte ich das Gefühl: „Nein,  für dieses Stück bin ich verdammt noch mal zu jung. Oder?“
Tabu-Themen sind ein Geschenk für das Theater und für die Komödie erst recht. Wir lachen, weil wir peinlich berührt sind, aus einer gewissen Schadenfreude heraus oder weil wir etwas erkennen; eine Erinnerung oder weil ein Gefühl in uns geweckt wird. Und wo ist die Fallhöhe besser als bei einem Thema, über das niemand spricht? Es war extrem spannend dieses Thema mit vier tollen Schauspielerinnen im besten Alter auf solche Momente zu durchforsten. Wir haben auch in den Proben sehr viel gelacht!
Ich finde es einfach erfrischend, dass sich jemand textlich mit so viel Humor an das Thema heranwagt und ich sehe es als meine Aufgabe, nicht gesellschaftskritisch mit erhobenem Zeigefinger, sondern ebenso humorvoll zu inszenieren, ohne dabei die Bissigkeit des Textes abzuschwächen. Wenn auch die Männer über meine Inszenierung lachen können und sich auf diese Weise mit dem Thema auseinandersetzen, dann würde ich sagen: „Mission accomplished“
Sibylle Berg bringt vier vollkommen verschiedene Lebensentwürfe auf die Bühne. Worin siehst Du die Stärken und Schwächen der Charaktere? Und wie interpretierst Du die Rolle des einzigen Mannes im Stück?
Im Laufe des Stückes erfahren wir - wie in einer Art Puzzle - verschiedene Lebensumstände, Geschichten, Sehnsüchte und Enttäuschungen der vier Frauentypen: Frau Merz-Dulschmann: die Hausfrau und Mutter, Frau Luhmann: die Alleinerziehende, Frau Töss: die Liebhaberin und Frau Grau: die Alleinstehende. Zwei der Frauen haben Kinder, zwei nicht.
Auf dem Blatt stehen für mich nicht wirklich Charaktere, sondern eher Entwürfe oder Typen. Daher kann man nicht wirklich von Schwächen und Stärken sprechen wie in einem herkömmlichen Theaterstück. Es werden eher die Konsequenzen der Entscheidungen gezeigt, die diese Frauen getroffen haben. Die Dialoge greifen ineinander, sind aber keine wirklichen Konversationen, aber die Frauen sind echte Entwürfe. Es ist, als ob die Autorin mit einem Stift eine Frau gezeichnet hat und wir dürfen die Frau anmalen in den Farben, die wir uns selbst aussuchen. Da lässt Sibylle Berg viel Spielraum. Die Figuren haben sich in den Proben wunderbar aus den Frauen, die diese Figuren spielen, entwickeln können. Gerade das ist eine sehr spannende Arbeit gewesen und ich liebe mittlerweile alle vier Frauenfiguren mit all ihren „Schwächen und Stärken“.
Die Frauen werden einzeln zu einem gratis und von der Regierung spendierten Wellness-Tag eingeladen. Sie kommen dort an, kennen einander nicht, konkurrieren miteinander, kritisieren gegenseitig ihre Lebensentwürfe und sind aber letztendlich in der Not vereint. Bezeichnend ist, dass die Frauen alle Namen haben. Aber der Mann heißt nur „Mann“. „Nennen Sie mich einfach Horst“ sagt er. Er soll als Exemplar für alle Männer gelten. Dabei ist er ehemaliger Pfarrer, der jetzt angeblich als staatlich geprüfter Masseur, Fitnesstrainer, Stilberater und Hair-Make-Up-Artist arbeitet. Seine Mutter hat gedacht er sei homosexuell, weil er Bücher las...Alles eine Erfindung, um einen Plan der kapitalistischen Regierung durchzuführen und die Frauen einzuwickeln, zu formen und ihnen einen Lappen über das Gesicht zu legen. Er besitzt etwas Diabolisches. Er steckt sowohl mit Gott als auch mit dem Teufel unter einer weichen Wellness-Decke ...